Politischer Werdegang
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Politischer Werdegang 

Rosa Jochmann begann bald, sich an ihrem Arbeitsplatz politisch zu engagieren. Als sie sich bei einer Betriebsversammlung gegen eine ungleichmäßige Lohnerhöhung einsetzte, wurde sie von einer Kollegin zum Beitritt der Gewerkschaft angeworben. In der Folge wurde sie als Betriebsrätin aktiv, und im Jahr 1920 wählte die Belegschaft der Firma Auer sie zur Betriebsratsvorsitzenden. 

Vom Verband der Chemiearbeiter und dessen Obmann Julius Weiß wurde Rosa Jochmann in den ersten Lehrgang der neu gegründeten Arbeiterhochschule in Döbling – im Döblinger Schlössel in der Sickenberggasse – entsandt. Dort war sie eine der wenigen Frauen, die den halbjährigen Lehrgang 1926 absolvierten. Der Unterrichtsplan war vielfältig; seine Fächer umfassten Nationalökonomie, Staats- und Sozialrecht ebenso wie Rhetorik. Im Alter von fünfundzwanzig Jahren arbeitete Rosa Jochmann als Gewerkschaftssekretärin des Chemieverbandes.

Rosa Jochmann trat der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) bei. Den Linzer Parteitag 1926, auf dem das neue Parteiprogramm beschlossen wurde, beobachtete sie von der Besuchergalerie aus. Rasch stieg sie selbst zur Parteispitze auf: 1932 war sie Mitglied des Frauensekretariats der SDAP; 1933, auf dem letzten Parteitag vor dem Verbot der Sozialdemokratie durch die Dollfuß-Regierung, wurde Rosa Jochmann zusammen mit Helene Postranecky als Nachfolgerin von Adelheid Popp und Therese Schlesinger in den Parteivorstand gewählt.
 
 
in VGA (2008): „Rosa Jochmann. Eine außergewöhnliche Frau“, S. 14.
© VGA
Die Absolventen des ersten Jahrgangs der Arbeiterhochschule; Rosa Jochmann, erste Reihe stehend, vierte v. l., Wien 1926

 
N2/50
„Rosa Jochmann, „die Vier, Büro“, 1930er
© VGA
Rosa Jochmann mit Genossinnen im Büro, 1930er Jahre

Im Jahr 1932 wird Rosa Jochmann in das Frauenkomitee der SDAP gewählt. Das Bild zeigt sie gemeinsam mit Rudolfine Muhr, Frieda Nödl und Helene Poetz (v. l. n. r).  

 
N2/51
„Adelheid Popp am Schreibtisch“, 1930er
© VGA
Adelheid Popp am Schreibtisch, 1930er Jahre

Adelheid Popp (1869-1939) war mit ihren langjährigen Erfahrungen als Abgeordnete zum Nationalrat und als Vorkämpferin für die Rechte der Frauen ein Vorbild für Rosa Jochmann und andere Aktivistinnen der jüngeren Generation wie Rudolfine Muhr, Helene Potetz, Frieda Nödl, Helene Postranecy oder Maria Emhart. Die älteren Genossinnen  –  Adelheid Popp, Therese Schlesinger oder Gabriele Proft  –  waren bemüht, die jüngeren in die Organisation zu integrieren und zu schulen. Sie alle standen nicht nur politisch, sondern auch persönlich in enger Beziehung zueinander.
 
E17/97
„Krankenhaus – Geburtstag von Adelheid Popp, 10.02.1932.
1. Reihe: Luise Kautsky, Adelheid Popp, Amalie Seidel (x),
2. Reihe: Rosa Jochmann (x), Jenny Brandl, Anna Boschek (x), Marie Bock (x).
Die mit (x) Bezeichneten wurden am Abend des 12.2. verhaftet.
© VGA
65. Geburtstag von Adelheid Popp im Spital in Lainz, 10.02.1934. Erste Reihe, v. l. n. r.: Luise Kautsky, Adelheid Popp, Amalie Seidel (x), zweite Reihe: Rosa Jochmann (x), Eugenie Brandl, Anna Boschek (x), Marie Bock (x). Die mit (x) Bezeichneten wurden in Folge der Februarkämpfe 1934 festgenommen.

Rosa Jochmann über Adelheid Popp:

„Am 11. Februar (…) lag Adelheid POPP in Lainz im Krankenhaus (…) und daher entging sie der Verhaftung. (…), aber daneben viele andere, Genossin Gabriele Proft selbstverständlich, nachdem sie aus der Haft entlassen wurde, kümmerten sich um Genossin Popp, von den jüngeren war es Genossin Frieda Nödl, die Adelheid besuchten. (…) Betreut wurde sie aber vor Allem von ihre Hausgehilfin Hedy GFRERER (…). Genossin Fini Muhr und ich waren, immer vorausgesetzt, dass wir in Freiheit waren, bei Genossin Adelheid POPP. Wir brachten sie auf Erholung irgendwo hin und inzwischen war in der Wohnung eine lebhafte Tätigkeit, die ganze Wohnung wurde unter dem Kommando von Hedy gründlich gemacht und wenn Adelheid kam, dann feierten wir ein Fest! (…) [U]nvergesslich die Tage und Stunden, wo sie aus der Vergangenheit zu erzählen begann, dann verwandelte sich der ganze Mensch Adelheid und sie wurde wieder jung (…).“

(VGA, NRJ, K7M49, Adelheid Popp vegetierte nicht! RJ Stellungnahme in Arbeiter-Zeitung; Großschreibung im Original)

Erinnerungen an Adelheid Popp:

(…) der nächste Tag war der 12. Februar 1934, das Unheil nahm seinen Lauf, über Österreich senkte sich die Nacht! Genossin Popp war im Krankenhaus und daher entging sie der Verhaftung. (…) Am 11. Februar 1939, also zum 70. Geburtstag von Adelheid, die ganze Wohnung war festlich hergerichtet, kam der Bürgermeister von Wien, Genosse Karl Seitz [und] (…) brachte die „Grüße jener vielen, die treu geblieben sind, und jener, die hinter Kerkermauern sitzen.“ (…) Als Genosse Seitz (…) gegangen war, (…), sagte plötzlich Genossin Popp: „Meine Bibliothek, Rosa, gibst du dann der Jugend, wenn ich nicht mehr sein sollte!“ Adelheid hatte eine wunderbare Bibliothek, aber diesen ihren Wunsch konnte ich leider nicht erfüllen, denn was die Gestapo nicht beschlagnahmt hatte, der Rest, der verblieb, fiel wie vieles andere einem Bombenangriff zum Opfer. Trotz alldem ist all dieses Wollen von Adelheid auch ein inniger Gruß von ihr an unsere heutige Jugend.“

(VGA, NRJ, K5M39, Rosa Jochmann: „Erinnerungen an Adelheid Popp“, Arbeiter-Zeitung 08.10.1979, S. 3)

 
V4/306
„Schutzbundaufmarsch Bruck an der Mur“, Otto Bauer, Rosa Jochmann, um 1930
© VGA
Schutzbundaufmarsch Bruck an der Mur, Rosa Jochmann, Otto Bauer, um 1930

Der Republikanische Schutzbund war die militärische Organisation der Sozialdemokratie; er sollte ein Gegengewicht zu den politisch rechts stehenden Heimwehren bilden. Bei Festen und Aufmärschen war Rosa Jochmann prominente Teilnehmerin, oft auch als geschätzte Rednerin. 

 
N2/23
„Gruppenfoto Gymnastikkurs 1925, Rosa Jochmann Zweite von rechts in der zweiten Reihe“
© VGA
Gruppenfoto Gymnastikkurs 1925, mit Rosa Jochmann (zweite Reihe, Zweite von rechts)    

Sportliche Betätigung war ein zentraler Bestandteil der proletarischen Kultur im Roten Wien der Zwischenkriegszeit. Konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der ArbeiterInnenklasse sollten den „neuen Menschen“ formen und die Antizipation einer sozialistischen Gesellschaft in der Stadt ermöglichen. „Luft, Licht, Sonne“ wurden zum Symbol für ein neues Verständnis von Körper und Körperlichkeit. Eine selbstbewusste ArbeiterInnenklasse sollte dem Bild ausgemergelter, rachitischer oder an Tuberkulose – der sog. Wiener Krankheit – leidenden ArbeiterInnen gegenüberstehen; das Proletariat sollte nicht mehr in dunklen Zinskasernen dahinvegetieren müssen, sondern sich in der Natur, an der Luft und Sonne entfalten können. Viele junge Frauen der Generation Rosa Jochmanns schienen das Idealbild der „neuen Frau“ zu verkörpern, das in der Literatur in folgender Weise charakterisiert wird: jugendliches, sportliches Auftreten, Kurzhaarschnitt – der klassische „Bubikopf“, praktische Bekleidung, modern, mutig, offen und gelassen, eine „Kameradin für den Ehemann und eine Freundin für ihre Kinder“. In der Literatur zum Roten Wien wird das emanzipatorische Moment dieses neuen Frauenbildes hervorgehoben, zugleich aber auch auf die Verfestigung der geschlechterspezifischen Arbeitsteilung verwiesen.
 

 
N2/48
© VGA
 Rosa Jochmann am Seeufer, 1930er Jahre
 
N2/49
© VGA
Rosa Jochmanns Schwester Josefine (Peperl/e) Drechsler

Mit der Schwester Josefine (Peperl/e) Drechsler verband Rosa Jochmann ihr Leben lang eine enge und freundschaftliche Beziehung. Sie mögen vielleicht „nur“ Schwestern gewesen sein, erläuterte Rosa Jochmann ihr Verhältnis in einem Brief an einen Parteigenossen, „aber dadurch, dass wir sehr bald Vollwaisen gewesen sind, hat uns das Schicksal mehr zusammengeschweisst als dies sonst der Fall gewesen wäre“.

(VGA, NRJ, K9M61, Rosa Jochmann an den „Genossen Marsch“, 14. Juni 1978, 1 Seite)

 

Texte und Zitate:

Die Todesopfer von Wiener Neustadt, 1932

Die Todesopfer von Wiener Neustadt

Als vor zwei Jahren durch die Zeitung die Kunde ging, daß in der Wiener Neustädter Gummi-Fabrik fünf Frauen den Einwirkungen des tödlichen Benzols zum Opfer gefallen sind, da stockte wohl selbst den kühnsten der Atem, als man hörte, daß die Opfer nicht hätten gebracht werden müssen, wenn dem Kapitalismus das Menschenleben wertvoller wäre, als dies tatsächlich der Fall ist.

Es gab in vergangenen Zeiten und gibt leider auch in der heutigen Zeit sehr oft Katastrophen, die viel mehr Menschenleben erfordern, die aber nicht selten durch Unfälle bedingt sind, die man im Voraus oft schwer feststellen kann. Wenn wir Berichte hören von Schlagwetterkatastrophen in Bergwerken, wenn Arbeiter, von Maschinen erfasst, zu Tode gedrückt werden, in siedende Kessel hineinfallen oder wenn Eisenbahnräder über gestürzte Arbeiter hinweggehen und diese Proletarier sterben oder elend verkrüppelt weiterleben müssen, dann bedauern wir diese Opfer der Arbeit, aber wir wissen, so lange die Menschen bei der Arbeit angetrieben werden, solange sie unter solchen Verhältnissen arbeiten müssen, wie dies oft der Fall ist,  werden wir jedes Jahr in der traurigen Statistik der Arbeitsunfälle lesen können, daß wieder tausende Menschen ihrem Beruf zum Opfer gefallen sind.

Das können und werden wir erst dann ändern, bis w i r die Fabriken einrichten, bis w i r das Tempo der Arbeit und die Arbeitsverhältnisse überhaupt bestimmen, denn der Kapitalismus teilt das Tempo und die Art der Produktion so ein, daß er so viel als möglich aus der Arbeiterschaft herauspressen kann, und dabei spielen gewöhnliche Menschenleben und Menschengesundheit gar keine Rolle.

Die fünf Frauen aus Wiener Neustadt mußten zugrunde gehen, weil der Arbeitgeber, derselbe, der bereits durch seine Nachlässigkeit in Preßburg den Tod von elf Arbeiterinnen verschuldet hat, keine Vorsichtsmaßnahmen ergriff, um die mit Benzol arbeitenden Frauen vor den Einwirkungen des bösartigen Giftes zu schützen. Die Frauen hatten furchtbar unter den Giftdämpfen zu leiden, hatten aber nicht den Mut, energischer aufzutreten, weil sie genau wußten, daß ihre Arbeitsstelle auf dem Spiel steht. In dem Elendsgebiet von Wiener Neustadt hat es aber gar viel zu bedeuten, wenn man arbeiten kann, selbst dann, wenn der Stundenlohn nur 40 Groschen beträgt, wie das in den Hörnes-Betrieben der Fall war. 

Wir lesen heute mit Grauen das Buch von Friedrich Engels über „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“, müssen aber zu unserem Entsetzen sehen, daß der Wiener Neustädter Fall sich ganz gut einkleiden ließe in die Schrecken der Arbeit vor hundert Jahren.

Gibt es etwas Furchtbareres oder Schrecklicheres als die Tatsache, daß in unmittelbarer Nähe einer Hauptstadt Arbeiterinnen täglich zur Arbeit gehen, von Stunde zu Stunde ihr Blut mehr und mehr vergiften, durch Wochen hindurch erbrechen, unter quälenden Kopfschmerzen leiden, bis sie, ins Spital gebracht, unter den Einwirkungen der Benzoldämpfe irrsinnig werden und endlich sterben? Junge, blühende und lebenslustige Menschen, die sich noch alles vom Leben erhofften, die trotz ihrem Elend, kraft ihrer Jugend, die Hoffnung in sich trugen, daß es doch noch einmal anders werden würde und anders werden müsse, gehen elend zugrunde, weil sie gezwungen sind, zur Arbeit zu gehen, gezwungen sind, selbst als sie schon wußten, daß sie Todeskandidatinnen sind.

Es ist sicherlich richtig, wenn konstatiert wird, daß der Bauer sein Vieh besser behandelt, mehr auf dessen Gesundheit achtet, als dies der Unternehmer sehr oft der Arbeiterschaft gegenüber tut. Und er glaubt das Recht zu haben, so handeln zu können, weil ja Tausende und aber Tausende Arbeitsloser draußen vor den Toren stehen, die nicht darauf achten können, ob die Arbeitsräume und Arbeitsmethoden den gesundheitlichen Anforderungen entsprechen, sondern die nur den einen Wunsch haben, Geld zu verdienen.

Sicherlich noch schuldiger als der Unternehmer wurde der Gewerbeinspektor, Herr Hofrat Lehn, der den Mut hatte, auszusprechen, daß es sich bei diesen Vergiftungen um Betriebsunfälle und sonst gar nichts handelt. Nicht gegen die Institution der Gewerbeinspektoren an sich muß sich aber unsere Anklage richten, denn die Institution der Gewerbeinspektoren bedeutet Erfüllung einer alten Forderung der Sozialdemokraten, wenn auch in der Praxis mit wenigen Ausnahmen die Gewerbeinspektoren, siehe Hofrat Lehn, ihre Tätigkeit nicht so auffassen, wie sie eigentlich aufgefaßt werden müßte.

Wie viele gesundheitsschädliche Betriebe gibt es heute noch, die zwar nicht den Tod des Arbeiters oder der Arbeiterin erfordern, die aber an den verschiedensten Krankheiten und Leiden der Arbeitenden schuldtragend sind und die manchesmal vermieden werden könnten, wenn ein Mensch inspizieren würde, der mit den Augen des Verstehenden und Mitfühlenden die Arbeiter innerhalb des Produktionsprozesses betrachtet. Wie viele Schmerzen könnten vermieden werden, wenn der Gewerbeinspektor das Machtwort sprechen und die Betriebsleitung veranlassen würde, Mißstände abzuschaffen, deren Abschaffung nicht selten nur ganz kleine Kosten verursacht. Eine Holztreppe auf einem Steinboden, ein Filzvorhang vor einer zugigen Tür, ein wenig Heizmaterial oder eine gut angebrachte Lüftungsmöglichkeit würden nicht selten dazu beitragen, unendlich viel Unangenehmes und Schmerzendes von den Arbeitenden abzuhalten.

Die fünf toten Arbeiterinnen von Wiener Neustadt, die alle so jung an Jahren sterben mußten, und alle die, die heute noch unter den Einwirkungen der Benzoldämpfe in Wiener Neustadt zu leiden haben, sollen uns der Ansporn sein zum engeren gewerkschaftlichen und politischen Zusammenschluss gegen die Macht des Kapitalismus und der Institutionen, die in seinem Sinne und in seinem Interesse arbeiten.

Solange die Arbeiterschaft nicht stark genug ist, solange die anderen regieren und die Produktionsmittel in den Händen haben, solange werden wir Unrecht erleiden und erdulden müssen, daß Menschen freigesprochen werden, die in des Wortes vollster Bedeutung Mörder sind, die zwar nicht mit dem Messer in der Hand, dafür aber mit Benzoldämpfen in der Fabrik gemordet haben und die solange morden werden, bis wir die Bestimmenden sind über das Leben und die Gesundheit der Arbeiter, so lange, bis der Sozialismus zur Wahrheit wird.

Rosa Jochmann.


(VGA, NRJ, K5M39 und K1M7, M7b, Rosa Jochmann (1932): Die Todesopfer von Wiener Neustadt, in: Die Frau, Dezember 1932, S. 7-8.)








Rosa Jochmann: Die Arbeiterin in der chemischen Industrie, in: Käthe Leichter: Handbuch der Frauenarbeit in Österreich, hrsg. von der Kammer für Arbeiter und Angestellte, Wien 1930.

Käthe Leichter baute das Frauenreferat in der Arbeiterkammer auf und forschte zu Arbeits- und Lebensverhältnissen von Frauen in Österreich. Gemeinsam mit den ArbeiterInnen erstellte sie einen umfangreichen Sammelband zu den Arbeitsverhältnissen in verschiedenen Branchen vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise. Rosa Jochmann verfasste den Beitrag zu den Arbeitsverhältnissen in der chemischen Industrie:

Die Arbeiterin in der chemischen Industrie.
Von Rosa Jochmann.

Die Vielfältigkeit der Arbeit.

Die Beschäftigungs- und Berufsarten innerhalb unserer Industrie sind so mannigfaltig und so verschieden und die Art der Produktion ist zumeist so kompliziert, daß es schwer fällt, innerhalb dieses Rahmens ein halbwegs anschauliches Bild davon zu geben. Man kann ruhig sagen, daß keine zweite Industrie ein so buntes Bild der in ihr vereinigten Berufe zeigt wie die chemische.

Daß es nicht leicht ist für so verschiedene Industrien, den Kampf um die Verbesserung des Arbeits- und Lohnverhältnisses zu führen, ist klar. Deshalb hat  sich der „Verband der chemischen Arbeiter“ im Jahre 1923 entschlossen, Fachgruppen zu schaffen, die die verschiedenen Betriebe nach der Art ihrer Erzeugung und nach der Beschaffenheit des Produkts zusammenfassen, um dann für halbwegs gleichartige Betriebe die Lohnbewegungen führen zu können. Es hat sich dieses System bewährt und es war dadurch möglich, für die gesamte Arbeiterschaft innerhalb der Fachgruppen erfolgreiche Bewegungen zu führen.

Im Allgemeinen kann wohl für unsere Industrie sowie für alle anderen Industrien gesagt werden, daß durch die fortschreitende Technik, durch die Intensivierung und Rationalisierung der Arbeitsprozeß ungeheuer beschleunigt und dadurch nicht nur an die Körperkraft, sondern vor allem anderen an die Nervenkräfte der Arbeitenden große Anforderungen gestellt werden. Oft haben es die Unternehmer ohne die geringste Verbesserung der Maschinen oder Reorganisierung des Arbeitsprozesses verstanden, die Arbeitsintensität bis aufs äußerste anzuspannen. Vor allem anderen durch die Einführung des Akkord- und Prämiensystems und das fast regelmäßige Senken des einmal erreichten Mehrdienstes ist es ihnen gelungen, die Arbeitsleistung zu erhöhen, ohne auch die Löhne nur halbwegs der vermehrten Leistung anzupassen.

Wenn man nun von der Frauenarbeit innerhalb unserer Industrie spricht, so wird man solche Arbeiten finden, die große körperliche Kräfte erfordern, man wird aber daneben auch solche Arbeiten vorfinden, die auf den nur „Zuschauenden" geradezu den Eindruck einer „Spielerei" machen müssen. So können jene Arbeiterinnen unserer Industrie, die adjustieren, etikettieren, kleinere Waren hübsch verpacken usw. oft von Menschen, die mit einer Exkursion den Betrieb besichtigen, die Meinung hören, daß diese oder jene Arbeit ja ein Vergnügen sein müsse, weil sie so gar keine sichtbaren körperliche Anstrengungen erfordert. Es ist richtig: nicht bei jeder Arbeit muß die Frau den ganzen Tag schwere Lasten heben, mit Händen und Füßen die Maschine bedienen, es gibt auch Arbeiten, bei denen die Frauen den ganzen Tag sitzen können, nur einen bestimmten Handgriff machen, der sehr leicht aussieht, der aber trotzdem so ermüdend druch seine Gleichförmigkeit wirkt und soviel Nervenkraft erfordert, daß viele Frauen selbst die schweren körperlichen Arbeiten jener „Spielerei" vorziehen.

Wenn wir auch innerhalb unserer lndustrie fast durchwegs sogenannte Hilfsarbeiterinnen haben, stellt doch ein Großteil unserer Arbeiten an diese Hilfsarbeiterinnen hohe Anforderungen. Welche Dame der oberen Zehntausend denkt wohl daran, wenn sie eines der phantastisch teuren Parfumfläschchen, Seifenverpackungen oder Puderdoserln in die Hand nimmt, daß hier fleißige und geschickten Frauenhände am Werk waren, um dieses Wunderwerk zu schaffen?

Um nun die Arbeiten der Frauen innerhalb unserer Industrie halbwegs verständlich zu machen, soll eine kurze Darstellung der Frauenarbeit in einzelnen Gruppen gegeben werden. Alle zu schildern verbietet der zulässige Umfang dieser Arbeit.

Die Papierindustrie.
Sie erstreckt sich nur auf die Provinz. In ihr sind ungefähr 20.000 Arbeiter, darunter 3500 Frauen, beschäftigt. Die Papierindustrie, die mit Ausnahme des alljährlich eintretenden Wassermangels fast gleichmäßig fortarbeiten konnte, befindet sich gegenwärtig in einer großen Krise, die hauptsächlich auf Absatzmangel zurückzuführen ist. Diese Krise hat so wie überall eine abnormale Arbeitslosigkeit, Kurzzeitarbeit, ja sogar die vollständige Stillegung so manchen Betriebs in der Gefolgschaft. In dieser Industrie werden die Jugendlichen zumeist zum Anlernen verwendet, um einen ständigen tüchtigen Nachwuchs für die feine und komplizierte Arbeit zu haben.

Die Frauen treten erst in den Arbeitsprozeß ein, wenn das Papier bereits fertiggestellt ist. Zuerst wird das Papier sortiert. Die Sortiererinnen haben die Aufgabe, das Papier Stück für Stück, Bogen für Bogen durchzusehen und auf die Größe, Stärke, Farbe (…) und Fehlerlosigkeit (…) zu überprüfen. (…) Die Falzerinnen müssen das Papier zusammenlegen, die Emballiererinnen versandbereit verpacken. (…) Die Papierführerinnen, die Lasten von 500 kg und noch mehr zu befördern haben, müssen den anderen Frauen das zu verarbeitende Papier zu- und das fertiggestellte Papier wegführen. (…)

Alle in der Papierindustrie tätigen Frauen haben eine ungemein nervenanstrengende Arbeit zu leisten, ganz gleich, bei welcher Art der Erzeugung sie zu tun haben.  (…) Dazu ist noch zu bemerken, daß die Arbeiterinnen stark unter dem Papierstaub, der zwar nicht sichtbar ist, aber doch seine gesundheitsschädliche Wirkung zeigt (…) zu leiden haben. Eine Arbeiterin treibt naturgemäß die anderen Arbeiterinnen zur Arbeit an, weil eben der Arbeitsprozeß so eingerichtet ist, daß eine Arbeiterin von der anderen abhängt. (…)

Die Pappenindustrie.
In diesen Schwesterbetrieben der Papierindustrie sind ebenfalls Frauen beschäftigt, die unter der Arbeit in den sogenannten Trockenhütten unendlich viel zu leiden haben. Die nasse Pappe muß von den Frauen in Holzhütten, die im Freien aufgestellt (…) und so eingerichtet sind, daß der Wind fröhlich durchblasen kann, auf Schnüren gleich der Wäsche am Boden aufgehängt werden, damit die Pappe trocknet. (…) Rheumatismus und Verkühlungen sind hier auf der Tagesordnung. (…)

Die Gummiindustrie.
ln dieser Industrie, die durch die Wiener Neustädter Katastrophe eine traurige Berühmtheit erlangte, gibt es in Österreich vier Betriebe, und zwar Wimpassing, Traiskirchen, Steyr, Stadlau. (…) In der gesamten Gummiindustrie sind ungefähr 5500 Arbeiter beschäftigt, darunter 2600 Frauen. Geradezu erstaunlich ist es, welchen Aufschwung diese Industrie in den letzten Jahren genommen hat. Es soll hier beispielsweise nur darauf verwiesen werden, welche Bedeutung die Schneeschuhe, Stiefel, Galoschen, Turnschuhe, die Gummischuhe überhaupt genommen haben, die gegenwärtig ein Massenartikel (…) geworden sind. (…)

Am laufenden Band befinden sich mit der Kreide eingezeichnete Quadrate (Fenster) die dazu dienen, die Leistung der Frauen auf das höchste anzuspannen. Auch ohne daß die Arbeiterin auf das Band schaut, blendet sie der weiße Strich, der in immer bedenklichere Nähe rückt und so zur fortwährenden Mahnung wird, in der Intensität nicht nachzulassen. (…) Besonders in der Gummiindustrie können wir beobachten, daß die Männerarbeit durch die Frauenarbeit immer mehr verdrängt wird. Ebenso ist zu beobachten, daß die Anzahl der Jugendlichen auf Kosten der erwachsenen Arbeiterinnen wächst. (…)

Interessant ist es, daß die Frauen bei einer um 30% geringeren Entlohnung dieselbe, ja oft eine noch höhere Arbeitsleistung vollbringen müssen als früher die Männer. (…)

Es ist nun leicht erklärlich, daß die Gesundheit der Arbeiterinnen durch die fortwährend verdunstende Gummilösung, die ja zumindest Benzin enthält, leidet. Die bei dieser Arbeit beschäftigten Arbeiterinnen klagen über Kopfschmerz, Brechreiz usw. (…) Überall in den Gummifabriken haben die Arbeiterinnen unter der ungeheuren Staubentwicklung durch Federweiß zu leiden, das zur Verhinderung des Zusammenklebens verwendet wird. (…)

Die Asbestindustrie.
Bei der Verwendung und Verspinnung des Asbests sind sehr viele Frauen beschäftigt. Hier sei besonders betont, daß die Frauen unter der großen Staubentwicklung, die es hier wie in jeder Weberei und Spinnerei gibt, zu leiden haben und meistens Kehlkopferkrankungen, Angina usw. bekommen.

Glasspinnerei.
In dieser Industrie wird der Christbaumschmuck, verschiedene Bonbonnieren, Schmuckpüppchen usw. gemacht. Die Industrie, die in Österreich keine große Bedeutung hat, sei nur deshalb erwähnt, weil hier ebenfalls große Geschicklichkeit und viel Geschmack in der Anordnung notwendig ist. (…) Da die Saison in dieser Industrie der Sommer ist, empfinden die Arbeiterinnen die unerträgliche Hitze doppelt stark. Zum größten Teil werden hier Jugendliche beschäftigt. Die Mädel wurden durch eine Kunstgewerblerin angelernt und müssen nun dieselbe Arbeit, naturlich für verhältnismäßig wenig Geld, leisten.  (…)

Zündholzindustrie.
In der Zündholzindustrie sind ungefähr 550 Frauen beschäftigt, auch viele Jugendliche. Wenn auch die große Gefahr der Erkankung an Phosphornekrose durch das Gesetz gebannt ist, so haben die Frauen in dieser Industrie doch noch eine schwere Arbeit zu leisten. In dieser Industrie hat eine ungeheure Reorganisation der Betriebe eingesetzt.
Es soll hier nur kurz gesagt werden, daß es auch hier schon Maschinen gibt – so ännlich wie die Rotationsmaschine in der Buchdruckerindustrie – wo man ein Brett hineingibt und auf der anderen Seite kommt die vollständig verpackte Zündholzschachtel zum Vorschein. Trotzdem müssen auch zu dieser Arbeit die Frauen angelernt werden. Durch technische Neuerungen ist man in die Lage versetzt worden, Männerarbeit durch Frauenarbeit zu ersetzen. (…)

Zementindustrie.
Hier werden die Frauen fast durchwegs zum Säckeflicken und zum Säckereinigen verwendet und haben daher sehr viel unter Staub zu leiden. Außerdem werden sie auch zu Hofarbeiten verwendet. Früher waren sowohl Jugendliche als auch Frauen beim Preßkörperabladen – einer schweren körperlichen Arbeit – aber die Gewerbeinspektion hat Einspruch erhoben, weil das eine Männerarbeit ist. (…)

Gasglühlichterzeugung.
Wenn auch dieser lndustrie, die noch vor wenigen Jahren einige hundert Arbeiterinnen beschäftigte, heute fast keine Bedeutung mehr zukommt, so sei sie doch angeführt, wegen der unbedingt schweren und gesundheitsschädigenden Arbeit, die die Frauen hier zu leisten haben. Der Glühstrumpf wird wie ein Strumpf gestrickt, dann imprägniert und kommt nach der Behandlung in der Näherei in den Brennsaal, der eine wahre Folterkammer der Arbeiterschaft ist. Hier steht eine Arbeiterin vor dem sogenannten Ofen und zündet die imprägnierten Strümpfe, die nebeneinander auf einer Schiene hangen, an. Der Ofen wird vollgehängt, das heißt, daß bei einer Arbeiterin 168 verglühende Körper hängen, die eine entsetzliche Hitze ausstrahlen. Man stelle sich nun vor, daß 6 Öfen nebeneinander stehen, wo überall zur gleichen Zeit 168 Körper verbrannt werden, und man stelle sich weiter vor, daß im selben Saal ein paar hundert andere Körper glühend gemacht werden, dann wird man wissen, welcher furchtbaren Pein diese Arbeiterinnen ausgesetzt sind. (…)

Es ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem vielfältigen Arbeitsprogramm der Arbeiterin in der chemischen Industrie, der hier gegeben werden konnte. Es war unmöglich, in diesem knappen Rahmen alle zu berücksichtigen. Sind doch allein 6000 Arbeiterinnen in den unfallversicherten chemischen Fabriken Österreichs beschäftigt. Aber auch dieser kleine Ausschnitt wird vielleicht ein Bild von der harten, mühseligen, gesundheitsgefährdenden Arbeit geben, die hier von Frauen geleistet wird. Einzig die Macht und das ständige Bemühen der freien Gewerkschaft, den Frauen bessere Arbeitsbedingungen zu erkämpfen, die Erfassung und tätige Mitarbeit der Frauen – die sich übrigens heuer ihr eigenes Frauenkomitee innerhalb des „Verbandes der chemischen Arbeiter" geschaffen haben – zeigen einen Weg zur Besserung.

Rosa Jochmann: Die Arbeiterin in der chemischen Industrie, in: Käthe Leichter: Handbuch der Frauenarbeit in Österreich, hrsg. von der Kammer für Arbeiter und Angestellte, Wien 1930, S. 58-78.

1
Vgl. Gruber, Helmut,„The „New Women“: Realities and Illusions of Gender Equality in Red Vienna, in: Gruber, Helmut/Graves, Pamela, Socialism and Women. Europe between the two world wars.“ Oxford 1998, S. 65-69, S. 69. Duma, Veronika/Lichtenberger, Hanna (2014): „Geschlechterverhältnisse im Widerstand: Revolutionäre Sozialistinnen im Februar 1934“, in: Maier, Michaela (2014): Abgesang der Demokratie. Der 12. Februar 1934 und der Weg in den Faschismus. Dokumentationen 1-4/2013, Wien, S. 55-82, S. 61, 62.
2
VGA, NRJ, K7M49, Adelheid Popp vegetierte nicht! RJ Stellungnahme in AZ; Großschreibung im Original. Duma, Veronika/Lichtenberger, Hanna (2014): „Geschlechterverhältnisse im Widerstand: Revolutionäre Sozialistinnen im Februar 1934“, in: Maier, Michaela (2014): Abgesang der Demokratie. Der 12. Februar 1934 und der Weg in den Faschismus. Dokumentationen 1-4/2013, Wien, S. 55-82, S. 58.

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