Nationalsozialismus / Frauenkonzentrationslager Ravensbrück
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Nationalsozialismus / Frauenkonzentrationslager Ravensbrück

 
Kurz nach dem sogenannten „Anschluss“ im Jahr 1938 wurde Rosa Jochmann vorübergehend festgenommen und verhört. 1939 verhaftete die Gestapo sie erneut. Nach vielen Monaten der Ungewissheit in Haft wurde Rosa Jochmann unter „Schutzhaft“ gestellt und in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, etwa eine Autostunde nördlich von Berlin, deportiert, wo sie bis zur Befreiung 1945 überlebte.
 
In der Funktion der „Blockältesten“ des politischen Blocks, die Rosa Jochmann bis in das Jahr 1943 innehatte, konnte sie zahlreichen Mitgefangenen helfen. Gemeinsam mit anderen politischen Häftlingen organisierten die Frauen zusätzlich Nahrungsmittel oder Medikamente. In dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück sind etwa 132.000 Frauen und Kinder, 20.000 Männer und 1000 weibliche Jugendliche als Gefangene aus über 40 Nationen registriert worden. Zehntausende Menschen wurden ermordet, starben an Hunger und Krankheiten.

Nach der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee im April 1945 half Rosa Jochmann, die Überlebenden im Lager zu versorgen. Da die Österreicherinnen nicht durch eine offizielle Initiative nach Österreich zurückgeholt wurden, organisierte Rosa Jochmann gemeinsam mit Friedl Sinclair den Heimtransport der verbliebenen Häftlinge.

 


 
N2/20
„Entlausen und Scheren der Frauen im KZ Ravensbrück“, Tuschzeichnung von N. Jerisovska, Mitinhaftierte von Rosa Jochmann.
© VGA
„Entlausen und Scheren der Frauen im KZ Ravensbrück“, Tuschzeichnung von N. Jerisovska, Mitinhaftierte von Rosa Jochmann

Von Beginn an waren die Gefangenen Misshandlungen und Folter ausgesetzt. Die Frauen waren zudem der sexualisierten Gewalt durch die SS ausgeliefert. Rosa Jochmann erinnert sich an die Ankunft im Konzentrationslager:

„Wir wurden ins Bad gebracht, all unsere Sachen wurden uns weggenommen, dann mussten wir natürlich nackt einen Parademarsch vor den anwesenden Aerzten und der zum Spass hinzugezogenen SS machen. Ueber den Inhalt des Gespraeches das sich daraufhin ergab will ich schweigen, denn er ist nicht wiederzugeben.“

(VGA, K1M13/13e, Rosa Jochmann, Erinnerungen an die Zeit der „unterirdischen Arbeit“, o. D.)

 
N2/36
in VGA Dokumentation 2 / 2001, S. 9.
© VGA
 Gefängnis im KZ Ravensbrück, der sog. „Bunker“, 1940-1945

Rosa Jochmann war von 1940 bis 1943 Blockälteste des politischen Blocks. Die Übernahme einer Funktion im Konzentrationslager war immer auch mit einer Gefahr verbunden. Rosa Jochmann leistete in der Position der Blockältesten unter den widrigsten und brutalsten Bedingungen Solidarität und Hilfe. Sie nahm sich auch besonders der Kinder in Ravensbrück an und vergrößerte somit deren Chancen, das Lager zu überleben. Davon zeugen zahlreiche und bis zu ihrem Lebensende nicht enden wollende Dankesbekundungen ehemaliger Mitgefangener an Rosa Jochmann ebenso wie langjährige Brieffreundschaften mit ehemaligen Lagerkindern.

Die exponierte Position als Blockälteste hatte für Rosa Jochmann nachhaltige Folgen: Zweimal wurde sie in den sog. „Bunker“, den Zellenbau im Lager, gesperrt. Das erste Mal für einige Wochen, das zweite Mal über ein halbes Jahr. Eine Mitgefangene, die von ehemaligen Ravensbrückerinnen als Spitzel bezeichnet wurde, hatte Rosa Jochmann bei der SS denunziert.

Rosa Jochmann schrieb über den Bunker im Konzentrationslager Ravensbrück:

„Plötzlich des Nachts wurden da und dort die Zellentüren aufgerissen, draussen vor dem Bunker war inzwischen ein Auto, der sogenannte Heinrich, vorgefahren und nun spielte sich im Bunker eine herzzerreissende Scene ab, zuerst die unerbittliche Stimme des Direktors der der Betreffenden ihr Todesurteil vorlas, dann ein schrecklicher Schrei und dann wurde die Betreffende herausgezerrt, in den Wagen geworfen, wo bereits der Sarg in dem sie zu liegen kam drinnen war, ein Ankurbeln des Wagens und es wurde wieder Stille. Dann das Klopfen von Zelle zu Zelle, hast Du gehört, sie haben wieder eine geholt, wer kann es nur gewesen sein. Wir erfuhren kraft unserer Zusammenarbeit im Lager immer wer es gewesen war und wir wussten auch was geschehen war. Oder [einmal] schrie eine Polin Tag und Nacht nach Essen, der damalige Lagerdirektor hatte die Methode, dass er die Häftlinge auch im strengsten Winter splitternackt in der Zelle auszog und ohne Essen ohne ein Bett ohne alles in der Zelle liess. (…) Die Polin nun schlug mit einem Topf Tag und Nacht an die Tür und bat um Essen. Unzählige Male wurde die Tür aufgerissen, die Aufseherin schlug sie zur Erde nieder, aber immer wieder begann sie die Klopferei mit dem Becher von vorne. Plötzlich wahrscheinlich war der Schieber in den uns das Essen gereicht wurde schlecht geschlossen gewesen, und er klappte auf. Man kann sich vorstellen wie mager das Menschenkind gewesen ist, dass es ihr gelang sich da durchzuzwängen und auf den Gang zu gelangen. Durch das Geräusch erweckt kam nun die Aufseherin, die besonders wütend war, dass sie aus ihrem Schlaf gerissen wurde mit ihren 2 Hunden an, und nun spielte sich eine nicht wiederzugebende Scene ab. Die Hunde wurden auf das Mädchen gehetzt und als sie zu Boden fiel, aus unzähligen Wunden blutend, fiel die Aufseherin über sie her. Eine Genossin, die zu der Zeit im Zellenbau Dienst machte, war Zeuge und hat mir dies erzählt, nächsten Tag kamen die Revierhäftlinge und mussten eine abholen, die in der Nacht plötzlich gestorben war.“

(VGA, K1M13/13e, Rosa Jochmann, Erinnerungen an die Zeit der „unterirdischen Arbeit“, o. D.)
 
V3/349
„Exlibris Rosa Jochmann“
© VGA
Exlibris Rosa Jochmann

Nach der Befreiung kam von offizieller österreichischer Seite kein Angebot, die Häftlinge zurück nach Österreich zu holen. Zusammen mit der Kommunistin Friederike Sinclair reiste Rosa Jochmann nach Wien, organisierte in Absprache mit den sowjetischen Stadtkommandanten einen Transporter, fuhr zurück ins Lager und holte die zurückgebliebenen Frauen ab. Während der Heimreise feierte Rosa Jochmann ihren 44. Geburtstag – das erste Mal seit Jahren in Freiheit. Das Exlibris war ein Geschenk der Frauen an Rosa Jochmann und bildet die Stationen der Heimreise von Ravensbrück nach Österreich ab.


 

Texte und Zitate:

Rosa Jochmann über den Besuch von Heinrich Himmler im Konzentrationslager Ravensbrück

Der Massenmörder Himmler und ich.

Das war im Jänner 1941, Ihr wisst ich war die BLOCKOWA vom Pol. Block und der Reichsführer Himmler war angesagt. Was der Besuch bedeutet hat wisst Ihr, wochenlang wurden wir geschunden, sogar die Regenrinnen mussten wie Silber glänzen auch die Mistkübel, es war furchtbar und dann kam er.
Vorher hatte mich die Ober-Aufseherin LANGENFELD (sie war aus München hatte eine Schwäche für die Politischen und die Polinnen hat einen Sohn, sie ist vor einigen Jahren gestorben), also sie rief mich an und teilte mir mit, dass ich dem Herrn Reichsführer den RAPPORT erstatten müsse, er würde mich dann anreden und ich sollte ihn um meine Entlassung bitten. - Dass ich das auf keinen Fall tun würde ihn um die Entlassung zu bitten war für mich klar!
Und dann kam er mit lauter höchsten Offizieren, da war sicher der Massenmörder EICHMANN darunter und eigentlich waren sie das alle.Himmler salutierte und ich sagte meinen Spruch auf: „Blockälteste Rosa Jochmann, geboren am 19. Juli 1901 – Nr. 3014 meldet so und so viele im Block, so und so viele im Strafblock, so und so viele im Revier und so und so viele im Bunker.“ (Die Zahlen weiss ich natürlich nicht mehr!) Anschliessend fing der Reichsführer zu fragen an wie lange ich im Lager sei? Warum? Was meine Aufgabe sei? Das Alles habe ich kurz und bündig beantwortet und dann entstand eine lange Pause. Die Oberaufseherin sah mich beschwörend an, aber ich schwieg und liess kein Auge von dem Massenmörder, da salutierte er und ging. Ging in den Block und dort war bereits vorbereitet wer von der Oberaufseherin ihm vorgestellt werden soll. Es waren 6 Häftlinge, jede Einzelne wusste, dass sie um die Entlassung bitten soll und sie taten es und wurden am nächsten Morgen entlassen.
Ich schreibe das nicht vorwurfsvoll weil sie um die Entlassung gebeten hatten, denn sie hatten Familie zuhause, hatten Kinder, eine hatte eine kranke Mutter, also es war richtig, dass sie sich diese Bitte abgerungen hatten, es fiel ihnen schwer genug! Entlassen wurde: Betty Wiedmann, Maria Hausladen-Sepp, Schneider-Katja Grossmann, die Letztere war jung aber schwer krank, an die beiden Letzten kann ich mich nicht mehr erinnern. Der Reichsführer kam aus dem Block, ich stand noch immer an der gleichen Stelle und einen Moment zögerte er, dann aber trat er nochmals auf mich zu ´Sind Sie verheiratet?´ ´Nein ich habe einen Lebensgefährten´. ´Wo ist dieser?´ „In BUCHENWALD´, und wieder trat eine Pause ein, aber ich schwieg und dann sah er die Oberaufseherin an, salutierte und weg war er mit samt seinen MIT-mördern.
Nicht lang danach liess mich die Oberaufseherin rufen ´Sind Sie wahnsinnig, warum haben Sie den Herrn Reichsführer nicht um Ihre Entlassung gebeten?´ Darauf überlegte ich, aber die Oberaufseherin war zwar eine begeisterte Nazi, aber sie war ansprechbar und so sagte ich nach einer Weile ´Frau Oberaufseherin entschuldigen Sie bitte, aber vielleicht habe ich einmal die Freude Sie in der Freiheit zu sehen, dann kann ich Ihnen die Antwort geben, jetzt aber kann ich es nicht!“ Sie sah mich eine Weile sinnend an dann eine Handbewegung und ich konnte abtreten.

(VGA, K10M68, Rosa Jochmann, „Der Massenmörder Himmler und ich“, o. D.; abgedruckt in: Rosa Jochmann 1901-1994, Demokratin, Sozialistin, Antifaschistin, VGA-Dokumentation 2/2001.)

Das war der Faschismus! Ruf an die Frauen und Mütter, 1945

Wenn wir, ihr Mütter, an der Wiege unseres Neugeborenen stehen, dann können wir ihm keine Güter verschreiben wie der Kapitalist, dessen Sprößling schon, wenn er noch die Windeln naß macht, von ungezählten Werten ist. Aber wir haben in unserem Herzen den heißen Wunsch und den heiligen Schwur, daß es unseren Kindern einmal besser gehen soll als uns, daß sie in eine glücklichere Jugend, in eine schönere Welt hineinwachsen sollen. Und wie reich an Opfern und Entbehrungen ist das Leben einer proletarischen Mutter! Sie wird hungern und frieren, sie wird alles ertragen, sie kann nur eines nicht: in die hungrigen Augen ihrer Kinder sehen.
Und stürzte nicht für uns Mütter eine ganze Welt zusammen, wenn der Briefträger uns die Kunde brachte, daß unser heißgeliebter Bub gefallen ist für Führer und Vaterland? Wo ist die Mutter, in deren Herzen stolze Trauer Platz griff, wenn ihr bewußt wurde, daß ihr Sohn nie mehr heimkehrt, daß er nie mehr mit schelmischem Lächeln bei der Tür hereinblicken wird? Für die Mutter stürzte die ganze Welt zusammen. Und in unzähligen schlaflosen Nächten quält sie sich mit der Frage, wie er gestorben ist, ob er nach ihr rief, ob ihm jemand zur Seite stand in seiner letzten Stunde oder ob er elend zugrunde ging, hilflos und verlassen. Erinnern wir uns daran, Mütter, sie haben uns eiserne, silberne und goldene Mutterkreuze an die Brust geheftet, und eingetauscht haben wir dafür ein einfaches Holzkreuz in fremder Erde, und wir wissen nicht einmal, ob wir jemals das Stück Erde sehen werden, wo unser Geliebtestes ruht!
Aber nicht nur der Krieg war die Folge des Nationalsozialismus, sondern seine Begleiterscheinungen waren Gefängnis, Kerker und Konzentrationslager.
Man sagt, daß wir keine Demokraten sind, weil wir uns dafür eingesetzt haben, daß die Nazi nicht wählen dürfen. Gewiß, Tausende und aber Tausende Menschen haben nur infolge des ungeheuren Terrors und ihrer eigenen Schwäche den Nazi Gefolgschaft geleistet, aber hätte Hitler die Möglichkeit gehabt, all die Grausamkeiten durchführen zu lassen, wenn nicht hunderttausende Menschen ihr ´Heil Hitler!´ gebrüllt hätten?
Wenn man Bilder vom KZ sieht, wenn man Berichte im Radio hört, wenn man in der Zeitung Artikel über Konzentrationslager liest, dann wird immer gefragt, ob es denn wirklich so furchtbar gewesen ist.
Und wir müssen immer wieder zur Antwort geben, nein, es war noch viel ärger, denn es gibt keinen Photographen, keinen Journalisten und keinen Redner, der imstande wäre, die Leiden der Konzentrationslager so zu schildern, wie sie wirklich gewesen sind.
Wir sind nach Ravensbrück gekommen, wo wir erwartet wurden von der männlichen und weiblichen SS. Zur Schande unseres Geschlechtes müssen wir sagen, daß die Frauen, es handelte sich zumeist um junge BDM-Mädchen, an Brutalität und Grausamkeit den Männern in nichts nachstanden. Wir sahen sie nie ohne die Peitsche in der Hand und ohne die Hunde an der Leine, die auf uns abgerichtet waren.
Wir wurden am ersten Tag nicht geschlagen, aber wir mußten uns nackt ausziehen vor der anwesenden SS, deren Mütter und Großmütter wir sein konnten, und es ist nicht möglich, die Fragen und Bemerkungen zu wiederholen, die sie sich uns gegenüber erlaubten. Wir standen einmal weinend dabei, als tschechische Nonnen eingeliefert wurden, die herzerschütternd baten, man solle ihnen nicht die Schmach antun und ihnen ihr Ordenskleid wegnehmen. Es half alles nichts, sie mußten sich genau so entblößen, sie mußten dieselben Fragen und Bemerkungen über sich ergehen lassen wie wir.
Wir standen jeden Tag, ob Sommer oder Winter, ab halb vier Uhr früh stundenlang beim Zählappell, ab 1. April bis Ende Oktober ohne Strümpfe, ohne Schuhe und ohne Jacken, und neben uns, und das war das, was man nie vergessen kann, standen Kinder aller Altersgruppen, die in ihren mageren Ärmchen die Häftlingsnummer eintätowiert hatten.
Es war erschütternd, wie, als die Kinder ins Lager eingeliefert wurden, plötzlich alle, oft seit zwölf Jahren eingesperrten, Mütter entdeckten, daß dieses Kind ganz ihrer Annerl, das andere der Hermi ähnlich sei und daß der Bub ihrem Hansl ganz aus dem Gesicht geschnitten war. In der jahrelangen Sehnsucht nach ihren Kindern entdeckte die Mutter plötzlich in den Zügen des fremden Kindes ihr eigenes.
Glaubt jemand, daß man das vergessen kann, wenn man ein Kind einmal heimlich zu sich ins Bett genommen hat, um es zu wärmen, und das Kind flüsterte plötzlich vor sich hin: ´Weißt du, wenn der Krieg einmal aus ist, wenn sie uns nicht vorher erschießen oder vergasen, dann kaufe ich mir jeden Tag ein ganzes Brot, aber glaubst du, kommen wir noch einmal hinaus?´
Könnt ihr das verstehen, und eine Mutter wird es verstehen, daß wir dieses Kind dann fest an uns preßten und daß wir uns heiß gelobten, für eine Welt zu kämpfen, in der Kinder nicht Opfer solch furchtbarer Geschehnisse werden. Gewiß, die Kinder der Nationalsozialisten sind nicht haftbar zu machen für die Untaten ihrer Eltern, aber auch die sollen und werden Nutznießer sein unserer künftigen sozialistischen Arbeit.
Wir standen frierend beim Zählappell und aus unseren Reihen heraus wurden Namen und Nummern gerufen. Welch erschütternde Szenen spielten sich dabei ab – denn wir wußten alle, was das bedeutet, und die Kinder, die zitternd neben uns standen, wußten es auch.
Die aufgerufenen Frauen mußten einsteigen in die ´blaue Minna´, vorher aber gingen sie vorbei an dem Lastauto, auf dem die Särge aufgestapelt waren, und sie wußten, daß sie in längstens zwanzig Minuten in diesen Särgen liegen werden. Wir aber standen atemlos lauschend, bis wir die Salve hörten, und dann die Gnadenschüsse, und dann wußten wir, daß unsere Kameraden nicht mehr lebten, daß sie eben ermordet wurden.
Noch im März 1945 wurden in Ravensbrück dreieinhalbtausend Frauen vergast, nicht weil sie sich eines besonderen Verbrechens schuldig gemacht hätten, nein, nur deshalb, weil sie alt, kränklich oder weniger arbeitsfähig waren als die anderen. Kann man jemals die Szene vergessen, wenn der Finger des Herrn Dr. Winkelmann auf eine arme Frau wies, diese dann mit einem verzweifelten Blick aus der Reihe trat und sich einreihte in die Formation der Todgeweihten? Sie weinten und sie schrien nicht, still und stumm schritten sie durch den Appell, und wir sahen Tag und Nacht zwanzig Meter hohe Rauchsäulen aus dem Schornstein schlagen, und dann wußten wir, daß im Krematorium ganze Arbeit geleistet wurde.
Hätten wir nur die Möglichkeit, der ganzen Welt einen einzigen der unzähligen, blutig geschlagenen Frauenkörper zu zeigen, die an den Bock geschnallt wurden und auf den bloßen Körper 25 Hiebe mit der Peitsche bekamen. Sie hatten uns alle versichert, daß sie nicht schreien würden und mit einer einzigen Ausnahme haben sie alle geschrieen, denn die Pein war zu groß. Und wenn der Herr Lagerkommandant Kögel einen schlechten Tag hatte, dann ordnete er an, daß die Frauen, die aus unzähligen Wunden bluteten, splitternackt in eine Zelle gesperrt wurden.
Nach ein paar Tagen haben uns unsere Kameraden, die dort arbeiteten, gemeldet, daß sie wieder eine aus dem Zellenbau geholt hätten, die sie vom Boden herunterreißen mußten, weil sie mit ihrem eigenen Blut auf dem Boden angefroren war. Und die nicht so zugrunde gingen, die starben daran, daß man ihnen die Nieren zerschlagen hatte: es war kaum eine, die die Folgen des Prügelns je überwinden konnte.
So manche Kameradin, die all das seelische und körperliche Leid nicht ertragen konnte, wählte den Freitod im elektrischen Draht, und wir mußten an ihr vorbeimarschieren, vorbei an der lachenden SS, die sich königlich amüsierte über unsere bestürzten Gesichter und über unser Gefühl der Ohnmacht. Wir marschierten vorbei mit der stummen Frage im Herzen, wie lange all die Qual noch dauern soll.
Wenn heute all die Millionen zu Tode gemarterten, vergasten und erschlagenen Menschen ihre Stimme erheben könnten, sie wären auf das tiefste erschüttert, daß sich Menschen zum Sprachrohr jener Partei und damit all dieser Scheußlichkeiten machen!
Auch die Opfer der Österreichischen Volkspartei könnten dies nicht verstehen. Sie müßten zurückkehren in das Dunkel, mit der quälenden Überzeugung, daß sie umsonst gestorben sind. Doch sie sollen und dürfen nicht umsonst gestorben sein.
Wir, die wir vor den Leichen unserer zu Tode gequälten Kameraden gestanden sind, die wir in ihren weitaufgerissenen Augen die stumme Frage lasen, warum sie dies alles erdulden mußten, wir, die wir bei den abgemagerten Körperchen unserer Kinder gestanden sind, die mit einem letzten befreiten Seufzer starben, daß dieses Leben ausgelebt sei, wir bleiben die ewigen Warner und die niemals müden Ankläger – wir werden es verhindern, daß jemals wieder eine Zeit kommt, in der Menschen in einer so barbarischen Art gequält werden!
Und ihr, Jungen, die ihr zum erstenmal zur Wahlurne geht, ihr, die ihr keine goldene Kindheit hattet und die ihr erstaunt bei den Dichtern lest, daß die Jugend die Wonnezeit des Lebens sei, ihr, die man zum Morden erzog und denen man den Glauben gab, daß die Idee der Gewalt der Menschheit Glück bedeute, ihr müßt nicht in der Vergangenheit suchen nach den Helden, von denen ihr kämpfen lernen und an deren Beispiel ihr euch begeistern könnt für höhere Ziele, denn der Weg der Arbeiterklasse, der Weg der letzten elf Jahre ist getränkt mit dem Blute der Märtyrer des Proletariats, die mit beispiellosem Mut für ihre Sache kämpften und starben. Sie sollen euch Vorbild, Wegweiser und Fahne sein!
Darum, wenn wir am 25. November zur Wahlurne gehen, dann tun wir dies mit einem heiligen Gefühl in unserem Herzen, mit dem Gefühl, mit dem der gläubige Mensch zur Kirche geht. Und wir müssen wissen, daß wir, das sogenannte zarte Geschlecht, in unseren schwachen Händen das Schicksal unserer Kinder halten.
Wollt ihr, daß die Arbeiter- und Angestelltenschaft wieder rechtlos wird, daß die Landbevölkerung draußen in härtester Fron ihr Leben fristen muß, daß die Hausgehilfinnen zurücksinken zum recht- und schutzlosen Dienstboten, daß die Arbeiter kummervoll ihrem ungesicherten Alter entgegensehen, daß wir unsere Kinder großziehen zum künftigen Kanonenfutter, daß Gefängnisse, Zuchthäuser und Konzentrationslager, triumphieren, daß Galgen und Schafott diese grauenhafte Symphonie krönen – dann, ihr Frauen und Mütter, wählt uns nicht!
Wollt ihr aber, daß der Schwur, den ihr am Bettchen eures Neugeborenen ablegtet, daß es in ein besseres Leben hineinwachsen soll, Wahrheit wird, daß jauchzende Kinder um euch herum aufwachsen, daß gesunde Wohnungen gebaut und ausreichend Fürsorge geleistet wird, daß unsere Alten nicht mehr betteln gehen, daß nicht die Idee der Gewalt siegt, sondern die Gewalt der Idee, wollt ihr, daß endlich der Friede sich über unser geliebtes Östereich senkt – dann wählt die Partei, die nicht nur verspricht, sondern die es immer bewies, daß sie ihr Versprechen hält. Dann wählt die Partei, die stolz ihre Fahne trug durch die hinterste Zeit der Unterdrückung, dann wählt, ihr Frauen, Mütter und Jungwählerinnen, die Sozialistische Partei!

(VGA, K10M67, M67a, Das war der Faschismus. Ruf an die Frauen und Mütter, Rede im Radio 1945, abgedruckt in: Rosa Jochmann 1901-1994, Demokratin, Sozialistin, Antofaschistin, VGA-Dokumentation 2/2001)



Rosa Jochmann zum 70. Geburtstag Käthe Leichters. Ein Brief, der sie nicht erreichen kann

Liebe Käthe!

Eine schwere Aufgabe ist mir gestellt worden. Ich soll den Leserinnen unserer Zeitung ´Die Frau´ zu Deinem 70. Geburtstag etwas aus deinem Leben erzählen. Und während ich zu schreiben beginne, ist es mir, als stündest Du neben mir, und ich kann nicht anders, als zu Dir persönlich sprechen. Ich will dabei versuchen, aus der Fülle der Erinnerungen jenen, die Dich noch gekannt und geliebt haben, aber auch unserer Jugend etwas zu vermitteln.

Da war einmal die Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Eine Versammlung im Simmeringer Brauhaus. Die Fabriksarbeiterinnen waren gekommen, um Dr. Käthe Pick-Leichter reden zu hören. Müde, von Alltagssorgen geplagt, viele nur zögernd, weil zu Hause Mann und Kinder auf sie warteten. Dann aber wurde es für alle eine Weihestunde. Wie hast Du es verstanden, uns aus unserer Trostlosigkeit zu erheben! Du hast uns einen Weg gewiesen, und wir alle waren stolz auf die ´Frau Doktor´, die sich zu uns, den Entrechteten, bekannte und uns zeigte, daß alles so ganz anders sein könnte.

Es gibt wohl keinen, der Deine Vorträge in der Arbeiterkammer gehört hat und sie vergessen könnte. Wenn Du auf unseren Frauenkonferenzen und Parteitagen sprachst, wußte jeder: Hier steht ein wahrhafter Mensch, einer, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Mühseligen und Beladenen zu helfen.

Dann kam die Zeit, da unsere so schwer aufgebaute Partei, da die Gewerkschaften und alle unsere Institutionen verboten wurden, da wir im Dunkel untertauchen mußten. Damals schon hättest Du dem Rufe der vielen Freunde im Ausland folgen und mit den Deinen in die Fremde gehen können. Für Dich und Deinen Mann aber war es selbstverständlich, daß ihr mit uns durch die Nacht der Illegalität gehen würdet. Eure Wohnung in Mauer wurde zum Treffpunkt der revolutionären Sozialisten. Damals schon planten wir, wie die Welt aufgebaut werden sollte, ´wenn wir wieder da sind´.

Eines Morgens war dann auf Euren Fenstern in roter Farbe das Wort ´Jud´ hingemalt. Dein älterer Sohn, Heinz, war wissend genug, um die Situation zu verstehen. Der jüngere war nicht davon zu überzeugen, daß es sich um einen Dummenjungenstreich handelte und sagte: ´Ich weiß, Mami, was das ist, wir sind Juden´. Unser Leidensweg hatte begonnen, und auch Dich, die immer Starke, hatte der Tag aus dem Gleichgewicht gebracht. Es war höchste Zeit für dich, dem Ruf der Freunde ins Ausland zu folgen. Am Abend vor Deiner geplanten Abreise kam der, den wir bis dahin für unseren Freund gehalten hatten, und der an Dir zum Verräter geworden war. Er streichelte die Köpfe Deiner schlafenden Kinder und nahm Abschied von Dir, obwohl er wußte, daß die Gestapo Dich verhaften würde. Vom Bahnhof riefst Du Deine Mutter an, und es meldete sich die Gestapo und befahl: ´Kommen Sie sofort zurück, sonst werden wir Ihre Mutter verhaften´. Du gingst und tatest den ersten Schritt in die Hölle. Deine Mutter hattest Du damit nicht gerettet; viel später erst hast Du erfahren, daß sie dorthin geflohen war, wo kein Arm der Gestapo sie erreichen konnte.

In Ravensbrück beim Zählappell sah ich Dich nach langer Zeit wieder: Hoch aufgerichtet, zuversichtlich wie immer, mit den Augen grüßend, ungebrochen! Du warst der Mittelpunkt des Judenblocks. Du duldetest nicht, daß eine mutlos wurde, Du hast alle aufgerichtet. Wie bitter ist die Erinnerung an die Abende, da ihr nach schwerster Straßenarbeit einmarschiertet (auch bei Kälte barfuß), aus vielen Wunden blutend, begleitet von den schärfsten Aufseherinnen des Landes, umjault von Hunden, die auf die losgelassen wurden, die nicht mehr mitkonnten. Und Du mitten drin, das Haar ausgebleicht von der glühenden Sonne, das Gesicht verbrannt, die blauen Augen strahlend und voll Zuversicht.

Es war strengstens verboten, mit den Jüdinnen zu reden, aber Deine vielen Kameradinnen – Helene Potetz und ich waren unter den vielen – fanden immer wieder einen Weg zu Euch. Was haben wir für Maifeiern gefeiert! Abgeschirmt von den anderen hieltest Du uns eine Rede, und niemals vor- oder nachher wurde die Internationale, wurde das Lied der Arbeit mit solcher Sehnsucht und Andacht gesungen wie damals – leise summend – auf der Lagerstraße.

Du setztest Deine soziologische Arbeit auch im Lager fort. Du redetest mit den Straßenmädchen, den Diebinnen, den Verbrecherinnen, denn auch sie waren dort unsere Kameradinnen. Du hast in einer genauen Untersuchung bewiesen, daß der Mensch unter den gegebenen Verhältnissen schuldig werden mußte, ob er wollte oder nicht. Leider mußtest Du diese Arbeit vernichten, als eine Generalkontrolle des Blocks angesagt wurde und höchste Gefahr nicht nur für Dich, sondern für den ganzen Block bestand.

Dann kam der Jänner 1942. Eine Ärztekommission kam ins Lager, alle kranken und jüdischen Kameradinnen mußten zur Untersuchung antreten, und es wurde ihnen bedeutet, daß sie in ein ´anderes Lager´ kommen werden. Am 6. Februar 1942 wurde dann dem jüdischen Block verkündet, daß am nächsten Tag alle in das andere Lager überführt werden sollten. In dieser Nacht bin ich mit Helene Potetz zu Euch auf den Block gegangen.

Niemals werden wir vergessen, was sich dort abspielte, denn der größte Teil war davon überzeugt, daß es in die Vernichtung ging. Du aber warst wie ein Fels in der Brandung. Du schaltest die Kleinmütigen und sagtest ihnen, daß die Nazi doch Arbeiter brauchten und daß ihr wahrscheinlich in ein Bergwerk zu schwerer Arbeit kommen würdet.

Am 22. Februar – es war inzwischen hoher Schnee gefallen – kamen dann wirklich die Lastautos. Hand in Hand gingen wir um 3 Uhr morgens zum Bad, wo die Abfertigung stattfand. Es war eine klare Nacht, kein Laut war aus der schweigenden Menge zu hören. Hattest Du damals wirklich geglaubt, daß es nur in ein anderes Lager ging, oder wolltest Du den anderen nur Mut machen? Denn plötzlich sagtest Du: ´Ich bin überzeugt, daß wir das überleben, aber sollte es doch anders sein, dann sag meinen drei Buben (sie hat auch ihren Mann Otto so genannt), daß ich sie herzlich grüße und ihnen für alles danke; der Partei aber sage, daß, wenn ich mein Leben noch einmal beginnen könnte, ich es genau so leben würde, wie ich es gelebt habe´. Das waren Deine letzten Worte.

Eine Woche später kamen die gleichen Lastautos zurück; sie brachten Eure Kleider, Zahnprotesen, die Stöcke der Gehbehinderten – es war auch ein wollener Schal darunter, den Marianne Pollak uns ins Lager geschickt hatte und der Dich einhüllen sollte auf diesem so kalten Weg ...

Das ist mein Geburtstagsbrief an Dich, Käthe, mit all dem Leid, das auch die Jahre nicht mildern konnten. Ich erinnere mich, wie stolz Du warst, als Dein älterer Sohn Dir einmal ins KZ über seinen ersten Liebeskummer schrieb. Du wußtest, daß er dieses Leid durchstehen würde, und Du freutest Dich darüber, daß er seine Mutter nicht vergessen hatte. Er hat Dich bis heute nicht vergessen, ebenso wie Dein anderer Sohn, ebenso wie Dein Mann und seine Gefährtin, die Deinen drei Buben in schwerster Zeit Freundin gewesen war. Nicht vergessen aber haben Dich auch all jene, mit denen zusammen Du gekämpft hast, um das zu erreichen, was uns heute vielfach schon zur Selbstverständlichkeit geworden ist.

Nein, Käthe, Dein Leben ist nicht umsonst gelebt gewesen. Dein Bild steht vor uns leuchtendes Beispiel, als bleibende Mahnung, immer und überall gegen Ungeist und Unrecht anzukämpfen, alles zu tun, damit jene grauenhafte Zeit ohne Gnade der kommenden Generation erspart bleibe. Ich bin stolz darauf, Deine Freundschaft genossen zu haben, die ich Dir in unverbrüchlicher Treue erwidert und bewahrt habe.
Deine Rosl“

(Rosa Jochmann, in: Die Frau, 21. August 1965 und in: Rosa Jochmann. 1901-1994. Demokratin, Sozialistin, Antifaschistin, VGA-Dokumentation2/2001, S. 12-14.)
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Vgl. KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hrsg.), Abgeleitete Macht – Funktionshäftlinge zwischen Widerstand und Kollaboration, Bremen 1998.




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